Günter Schabowski
Günter Schabowski

Titel: Günter Schabowski: Der Mann, der ein Versehen zur Weltgeschichte machte

Einleitung

Günter Schabowski: Die Geschichte ist voll von mächtigen Herrschern, visionären Strategen und charismatischen Revolutionären, deren Namen mit den großen Umwälzungen der Menschheit verbunden sind. Doch bisweilen ist es nicht der gezielte Schlag eines Machthabers, sondern das unbeabsichtigte Wort eines eher zweitrangigen Funktionärs, das den Lauf der Ereignisse für immer verändert. In der deutschen und europäischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts nimmt Günter Schabowski eine solch einzigartige, geradezu surreal anmutende Stellung ein.

Er war kein Generalsekretär, kein Staatschef, kein militärischer Befehlshaber. Er war, im strengen Sinne des SED-Regimes, ein mittlerer Kadermann, das sprichwörtliche Rad im Getriebe. Und dennoch katapultierte eine einzige, von Verwirrung und Nachlässigkeit geprägte Pressekonferenz ihn in den Mittelpunkt des weltpolitischen Geschehens. Dieser Artikel beleuchtet nicht nur den berühmten Moment am Abend des neunten November neunzehnhundertneunundachtzig,

sondern zeichnet den Weg eines überzeugten Sozialisten von seiner journalistischen Karriere bis hin zu seinem ungewollten Platz als “Sargnagel” der DDR. Es ist die Geschichte eines Mannes, der mit einer lässigen, fast nonchalanten Geste ein ganzes Staatswesen, die Berliner Mauer und die bipolare Weltordnung ins Wanken brachte – ein faszinierendes Lehrstück darüber, wie menschliches Versagen und historischer Zufall ineinandergreifen können.

Die Karriere im System: Vom Redakteur zum Politbüromitglied

Günter Schabowski war kein Quereinsteiger oder äußerer Konvertit, der sich dem Sozialismus aus Berechnung angeschlossen hätte. Seine Prägung und sein Aufstieg waren das Musterbeispiel einer Kadrierung in der Deutschen Demokratischen Republik. Geboren in der Vorkriegszeit, schlug er nach dem Krieg die journalistische Laufbahn ein, eine entscheidende Weichenstellung. In einem Staat, in dem die Medien nicht der Information, sondern der Agitation und der Erziehung im Sinne der Partei dienten, war die Position des Chefredakteurs einer bedeutenden Zeitung keine bloße Schreibtischtätigkeit, sondern eine politische Schlüsselposition von hohem Vertrauen. Schabowski bekleidete diesen Posten bei der “Berliner Zeitung” und später, über viele Jahre hinweg, beim Zentralorgan der SED, dem “Neuen Deutschland”.

Diese Jahre formten den Funktionär Schabowski. Als Chefredakteur war er nicht nur verantwortlich für die tägliche Propaganda, sondern auch ein integraler Bestandteil des Machtapparates, der die ideologische Linie der Partei in die Bevölkerung hineintrug. Seine Arbeit bestand darin, die Beschlüsse des Politbüros in lesbare, überzeugende Narrative zu verpacken, Misserfolge zu verschleiern und die Überlegenheit des Sozialismus zu preisen. Dieser Job erforderte absolutes Loyalitätsdenken, ein feines Gespür für parteiinterne Machtverschiebungen und die Fähigkeit, unbequeme Wahrheiten nicht nur zu ignorieren, sondern aktiv umzudeuten.

Schabowski meisterte diese Aufgaben offenbar zur Zufriedenheit der Führung, denn sein Weg führte stetig nach oben. Die Mitgliedschaft im Zentralkomitee der SED war der logische nächste Schritt, die Aufnahme in das mächtigste Gremium der DDR, das Politbüro, die Krönung dieser Karriere. Hier, in diesem kleinen Zirkel um Erich Honecker, wurde Politik für Millionen Menschen gemacht. Schabowski gehörte nun zur innersten Führungsriege, auch wenn er nie zur allerersten Garde um Honecker, Mielke oder Stoph zählte. Er war der Mann für Medien und, später, für das explosive Thema “Berlin”. Seine Loyalität zum System schien unerschütterlich, sein Glaube an die Richtigkeit des sozialistischen Weges war das Fundament seiner Identität. Er war ein Produkt und ein Profiteur des Staates, den er mitregierte.

Doch dieser Aufstieg hinterließ Spuren. Die jahrzehntelange Tätigkeit in einer Blase der Zensur und der geschönten Berichterstattung prägte sein Verständnis von Wahrheit und Öffentlichkeit. Die Realität der DDR, mit ihrer maroden Wirtschaft, ihrer um sich greifenden Stagnation und der wachsenden Unzufriedenheit der Bevölkerung, war etwas, worüber man in den Redaktionsstuben des “Neuen Deutschland” nicht ungeschminkt berichtete. Man verwaltete sie sprachlich, man verkleidete sie in Phrasen von “ökonomischer Hauptaufgabe” und “weiteren Stabilitäten”.

Diese mentale Disposition, diese Gewohnheit, eine von der Parteilinie vorgegebene Realität zu vertreten, anstatt sich einer unabhängigen, faktenbasierten Wirklichkeit zu stellen, sollte sich in dem entscheidenden Moment als fatal erweisen. Schabowski war der perfekte Funktionär für ruhige, kontrollierte Zeiten, in denen das System seinen Bürgern die Illusion von Normalität und Fortschritt vermitteln konnte. Als die Krise kam, als die Widersprüche offen zutage traten, fehlte ihm – wie vielen seiner Genossen – das Werkzeug, um mit der ungefilterten, unvorhersehbaren Dynamik einer echten, öffentlichen Kommunikation umzugehen. Sein Handwerkszeug war die geschlossene Sitzung, der interne Beschluss, der dann nach unten durchgereicht wurde. Die lebendige, unmittelbare und globale Öffentlichkeit einer internationalen Pressekonferenz war ein Terrain, auf dem er sich, wie sich zeigen würde, nicht souverän bewegen konnte.

Die Krise des Regimes und Schabowskis unklare Rolle

Die späten achtziger Jahre wurden für die Deutsche Demokratische Republik zu einer Zeit der immer schneller eskalierenden Krise. Während Michail Gorbatschow in der Sowjetunion mit Glasnost und Perestroika eine vorsichtige Öffnung und Reform einleitete, verharrte die alte Garde um Erich Honecker in starrem Dogmatismus. Die DDR-Führung lehnte diese “Abweichungen” öffentlich ab und verschanzte sich hinter der ausgelaugten Parole vom “Weiter so”.

Doch der Druck von außen und innen wuchs unaufhaltsam. Die Ausreisebewegung, die Botschaftsfluchten in Prag und Warschau, die Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderen Städten – all das zeigte, dass der Staat seine Bürger nicht mehr halten konnte und dass diese Bürger ihre Angst verloren hatten. In dieser Atmosphäre brodelnder Unruhe und des Machtvakuums an der Spitze – Honecker war schwer krank, seine Autorität erodierte zusehends – begannen auch innerhalb des Politbüros Risse aufzutreten. Eine Fraktion, angeführt von Personen wie Egon Krenz, versuchte, mit halbherzigen Reformen die Initiative zurückzugewinnen und das System durch eine Art “Sozialismus light” zu retten.

In diese komplexe Gemengelage wurde Günter Schabowski hineingezogen. Seine genaue Rolle in diesen innerparteilichen Machtspielen ist bis heute nicht vollständig geklärt und Gegenstand von Deutungen. Manche sehen in ihm einen Mitwisser und stillen Unterstützer der Krenz-Fraktion, andere betrachten ihn eher als Getriebenen, der die Zeichen der Zeit erkannte, aber keine klare eigene Strategie verfolgte. Sicher ist, dass er nicht zum ultra-konservativen Flügel um Honecker gehörte.

Als die Situation im Herbst neunzehnhundertneunundachtzig völlig zu kippen drohte, fand sich Schabowski in einer schwierigen Position. Einerseits war er ein hochrangiges Mitglied des Regimes, das über Jahre von diesem profitiert hatte und dessen Legitimität stets verteidigt hatte. Andererseits musste er erkennen, dass die bisherige Politik in eine Sackgasse geführt hatte und eine Art Kurskorrektur unvermeidlich schien. Seine Ernennung zum “Sekretär für Informationswesen” durch den neu an die Spitze gestellten Egon Krenz war bezeichnend. Es war der Versuch, einem Mann mit medialer Erfahrung die schwierige Aufgabe zu übertragen, der Welt und der eigenen Bevölkerung eine “neue”, reformorientierte Linie der SED zu verkaufen.

Schabowski befand sich also in einer Art Schwebezustand zwischen Altem und Möglichem, zwischen Systemtreue und der vagen Ahnung, dass dieses System sich ändern musste. Diese innere Unklarheit spiegelte sich auch in seiner öffentlichen Rhetorik wider. In den Tagen vor der denkwürdigen Pressekonferenz äußerte er sich teils hart, teils versöhnlich, ein typisches Verhalten eines Funktionärs, der selbst noch nach der offiziellen Linie sucht. Er war weder ein starrsinniger Hardliner noch ein überzeugter Reformer, sondern ein verunsicherter Apparatschik in einer historischen Stunde, für die es weder in seinem Lebenslauf noch im Handbuch des Marxismus-Leninismus eine Gebrauchsanweisung gab.

Diese Verunsicherung, diese mangelnde Verankerung in einer klaren, durchdachten Position, machte ihn anfällig für Fehler. Er war der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Ort – oder, aus der Perspektive derjenigen, die die Mauer loswerden wollten, vielleicht genau der richtige. Denn in seiner Person bündelten sich all die Widersprüche und intellektuelle Schlampigkeiten des Regimes, die nun in die finale Krise mündeten. Er sollte lediglich eine administrative Neuregelung verkünden, die die Ausreise etwas erleichtern und den Druck aus dem Kessel nehmen sollte. Dass aus dieser Verkündigung ein Weltereignis werden würde, lag nicht an der Botschaft, sondern am Botschafter und seinem Umgang mit ihr.

Der historische Abend: Die Pressekonferenz und das “Versehen”

Der neunte November neunzehnhundertneunundachtzig war ein trüber Donnerstag in Ost-Berlin. Im Pressehaus am Mollstraße, einem monumentalen Bau des Sozialistischen Klassizismus, bereitete sich Günter Schabowski auf seine erste internationale Pressekonferenz in seiner neuen Funktion vor. Die Atmosphäre war angespannt, die Weltpresse erwartete Statements zur eskalierenden Lage in der DDR. Die Tagesordnung war voll mit Meldungen über interne Sitzungen und Personalrochaden. Gegen Ende der etwa einstündigen Konferenz, gegen achtzehn Uhr, reichte ein Mitarbeiter Schabowski einige Blätter Papier zu.

Es handelte sich um den Beschluss des Ministerrates, eine neue Reiseregelung zu erlassen, die privaten Reiseverkehr in das Ausland ohne Vorliegen von Voraussetzungen ermöglichen sollte. Der Text war wirr formuliert, voller Bürokratendeutsch und vor allem: er war nicht für die sofortige Verkündigung vorgesehen. Er sollte eigentlich erst am nächsten Tag in Kraft treten und den Behörden Zeit geben, sich vorzubereiten. Doch Schabowski, müde, unvorbereitet und mit den Gepflogenheiten der spontanen Nachfrage in freien Medien überfordert, begann, das Papier vorzulesen.

Was dann geschah, war eine einzigartige Verkettung von Nachlässigkeit, Missverständnis und journalistischem Instinkt. Schabowski, der den Text offenbar nicht gründlich gelesen oder dessen Implikationen nicht vollständig begriffen hatte, murmelte sich durch die Bestimmungen. Der entscheidende Moment kam, als der italienische Journalist Riccardo Ehrman nach dem Zeitpunkt des Inkrafttretens fragte. Schabowski blätterte nervös in seinen Papieren, suchte eine klare Aussage und fand keine.

Statt eine präzise, verantwortungsbewusste Antwort zu geben oder sich auf eine interne Absprache zu berufen, tat er, was ein Funktionär in einer solchen Situation nie tun sollte: er improvisierte. Mit einer charakteristischen, fast genervten Geste und einem Blick auf seine Notizen sagte er die Worte, die in die Geschichte eingehen sollten: “Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.” Diese Aussage war eine fatale Mischung aus Halbwissen und Nonchalance. “Nach meiner Kenntnis” deutete eine persönliche, nicht offizielle Einschätzung an. “Sofort, unverzüglich” aber war eine Eindeutigkeit, die es in den internen Dokumenten gar nicht gab.

Die Wirkung war elektrisierend und entfesselte eine Kettenreaktion, die niemand, am allerwenigsten Schabowski selbst, kontrollieren konnte. Die anwesenden Korrespondenten, vor allem diejenigen von westlichen Rundfunkanstalten wie der ARD oder der BBC, erkannten sofort die historische Sprengkraft dieser Worte. Hier verkündete ein hochrangiges Mitglied des Politbüros nicht eine bürokratische Neuregelung, sondern die sofortige Öffnung der Mauer. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile über die Sender: “Die DDR öffnet die Grenze!” “Die Mauer ist offen!” In Ost-Berlin sahen und hörten Hunderttausende diese Meldungen.

Eine gewaltige, freudige und unaufhaltsame Menschenmenge setzte sich in Bewegung Richtung Grenzübergänge. Die völlig überraschten und desorientierten Grenzsoldaten an den Übergängen, etwa an der Bornholmer Straße oder am Checkpoint Charlie, hatten keine Befehle, sie hatten keine klaren Anweisungen. Ihre Vorgesetzten waren ebenfalls im Unklaren, das Politbüro war in Auflösung, und die Autorität, die von Schabowskis Worten ausging, war übermächtig. Unter diesem immensen Druck des Volkes und in Abwesenheit klarer Befehle von oben gaben die Soldaten nach, hoben die Schlagbäume und ließen die Menschen strömen. Die Mauer, das Symbol der Teilung Deutschlands und Europas, war in jener Nacht gefallen – nicht durch einen souveränen Regierungsakt, sondern durch ein missverstandenes Kommuniqué, ausgesprochen von einem verwirrten Funktionär.

Die Folgen: Vom Sargnagel der DDR zur historischen Ikone

Die unmittelbaren Folgen von Schabowskis Pressekonferenz waren chaotisch, überwältigend und von einer fast surrealen Freude geprägt. Die Bilder von Ost- und Westberuinern, die auf der Mauer tanzten, sich in den Armen lagen und Sektflaschen öffneten, gingen um die Welt. Für die DDR-Staatsführung war der Abend ein kompletter Kontrollverlust. Sie hatte die Lage nicht mehr in der Hand, ihre Autorität war in jenen Stunden vollständig zerbrochen. Der vermeintliche Versuch, durch eine kleine Reform Druck abzulassen, hatte durch Schabowskis Formulierung zur sofortigen Implosion des gesamten Grenzregimes geführt.

In den Tagen und Wochen danach wurde klar, dass dieser Moment der Point of no Return war. Der Fall der Mauer zog den Zusammenbruch des SED-Regimes, den Weg zur deutschen Einheit und das Ende des Ostblocks nach sich. Schabowski war, unfreiwillig und durch ein Versehen, zum Auslöser eines der bedeutendsten Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts geworden. In der historischen Rückschau wird er oft als “Sargnagel der DDR” bezeichnet, als der Mann, dessen Ungenauigkeit dem maroden Staat den finalen Stoß versetzte.

Doch wie ging es mit dem Mann selbst weiter? Die Wende bedeutete für Günter Schabowski einen tiefen biografischen Bruch. Er wurde aus der SED ausgeschlossen, verlor alle Ämter und musste sich, wie viele andere Funktionäre, vor Gericht verantworten. Der Prozess wegen Totschlags an den Mauertoten war eine schwere Bürde und eine Konfrontation mit der moralischen Verantwortung seiner früheren Tätigkeit. Seine Verurteilung zu einer Haftstrafe markierte das endgültige Ende seiner Welt.

Interessant ist jedoch sein weiterer Weg nach der Entlassung aus dem Gefängnis. Anders als viele seiner ehemaligen Genossen, die in sturer Rechthaberei verharrten, begann Schabowski, eine öffentliche Rolle der Reflexion und, in gewissem Maße, der Reue einzunehmen. Er gab Interviews, schrieb Bücher, beteiligte sich an Diskussionen. Er gestand seinen Anteil am Unrechtssystem ein, ohne sich jedoch komplett zum Dissidenten zu stilisieren. Er blieb eine ambivalente Figur: der Mann, der die Mauer zu Fall brachte, aber auch der Mann, der jahrzehntelang für das System gearbeitet hatte, das sie errichtete.

Diese Ambivalenz macht ihn zu einer so faszinierenden historischen Figur. Er ist weder Held noch ausschließlich Bösewicht. Er ist das lebendige Beispiel dafür, wie Geschichte manchmal durch die Hintertür kommt, durch das Versagen und die menschliche Schwäche von Individuen in Schlüsselpositionen. Seine historische Bedeutung liegt nicht in dem, was er tun wollte, sondern in dem, was er unbeabsichtigt tat. In der Erinnerungskultur ist Günter Schabowski zur Ikone dieses speziellen Moments geworden. Sein müdes Gesicht, seine randlose Brille, sein unsicheres Blättern in den Papieren – diese Bilder sind ebenso Teil des kollektiven Gedächtnisses wie die jubelnden Menschen auf der Mauer.

Sie erinnern uns daran, dass große Geschichte nicht immer das Ergebnis großer Pläne ist. Manchmal ist sie das Produkt von Konfusion, schlechter Kommunikation und einem Zufall, der den Lauf der Welt verändert. Schabowskus Vermächtnis ist die unbequeme Wahrheit, dass die Mauer nicht in einem heldenhaften Akt des Widerstands fiel, sondern durch ein bureaucratisches Missverständnis, ausgesprochen von einem Mann, der an diesem Abend einfach nur seine Pflicht tun wollte – und dabei grandios scheiterte, auf eine Weise, die die Welt zum Besseren veränderte.

Reflexionen über Schuld, Zufall und historische Verantwortung

Die Geschichte Günter Schabowskis wirft tiefgreifende Fragen über das Wesen von Schuld, Zufall und individueller Verantwortung in historischen Prozessen auf. War er schuldig? Die Antwort ist komplex und mehrschichtig. Zweifellos trug er als Mitglied des Politbüros eine Mitverantwortung für die Politik eines Unrechtsstaates, der seine Bürger einsperrte und Menschen an der Mauer erschoss. Diese politisch-moralische Schuld hat er vor Gericht und in der öffentlichen Auseinandersetzung anerkennen müssen. Doch die spezifische Tat, für die er berühmt-berüchtigt wurde – das Öffnen der Mauer –, war keine Tat im Sinne einer bewussten, mutigen Entscheidung.

Es war ein Fehler, ein Versagen in der Ausübung seines Amtes. Kann man für ein Versehen schuldig sein, das positive, befreiende Folgen hatte? Die moralische Landkarte wird hier unscharf. In einem gewissen Sinne war er ein “Werkzeug” des historischen Zufalls. Die strukturelle Krise der DDR, der Druck der Straße, die internationale Lage – all diese Faktoren hatten eine Situation geschaffen, die reif für die Explosion war. Schabowski war nur der Funke, der sie auslöste, ein Funke, den er selbst nicht kontrollieren konnte und dessen Wirkung er nicht annähernd begriff.

Dies führt zu der Frage nach der Rolle des Individuums in der Geschichte. Marxistische Geschichtstheorie, der Schabowski jahrzehntelang anhing, würde große Ereignisse auf breite ökonomische und soziale Kräfte zurückführen. Sein eigenes Schicksal widerlegt diese Auffassung auf paradoxe Weise. Denn es zeigt, wie sehr der konkrete Ablauf, der genaue Zeitpunkt und die spezifische Form eines welthistorischen Ereignisses von der Handlung (oder der Nachlässigkeit) einer einzelnen Person abhängen können. Hätte an jenem Abend ein anderer, besser vorbereiteter Funktionär die Pressekonferenz gegeben, hätte er die Frage nach dem Inkrafttreten mit “ab morgen früh” beantwortet, die Geschichte wäre vermutlich anders, vielleicht blutiger, vielleicht langsamer, aber sicher anders verlaufen. Schabowski personifiziert damit die Kontingenz der Geschichte, ihr “So-und-nicht-anders-Sein” durch banale Zufälle.

Seine spätere Haltung, seine Bereitschaft, über seine Rolle zu sprechen und sich einer kritischen Öffentlichkeit zu stellen, unterscheidet ihn von vielen seiner ehemaligen Kollegen. Er schien die historische Dimension seines “Versehens” begriffen zu haben und versuchte, in der neuen, vereinten Bundesrepublik eine Art zweite, reflektierte Identität zu finden. Er wurde zum Zeitzeugen, der aus der inneren Perspektive des Apparats berichten konnte. In dieser Rolle war er wertvoll, auch wenn seine Glaubwürdigkeit immer durch seine Vergangenheit gebrochen war. Die Reflexion über Schabowski zwingt uns, einfache Narrative von Gut und Böse zu hinterfragen.

Er war kein guter Mensch, der die Mauer öffnete, und kein böser Mensch, der sie geschlossen hielt. Er war ein durchschnittlicher Funktionär in einem außergewöhnlichen System, der in einem entscheidenden Moment die Kontrolle über die von ihm verkündete Botschaft verlor. In dieser Hilflosigkeit gegenüber der eigenen Wirkmacht liegt die tiefe menschliche und historische Lehre seiner Person. Sie erinnert uns daran, dass die Mächte der Geschichte, die wir oft als anonyme Kräfte wahrnehmen, bisweilen in den Händen von ziemlich gewöhnlichen Menschen liegen, die mit dieser Verantwortung überfordert sind. Sein Erbe ist die Demut vor der Unberechenbarkeit des Geschehens und die Mahnung, dass Worte, einmal in die Welt gesetzt, eine Eigendynamik entfalten können, die kein Apparat und kein Funktionär mehr bändigen kann. Günter Schabowski, der unbeabsichtigte Revolutionär, bleibt damit eine ewige Warnung an alle Machthaber und deren Sprecher: Seid vorsichtig mit dem, was ihr sagt. Es könnte wahr werden.